Finanzen und Steuern

18.09.2010

Investoren oder Zocker

Heiner Flassbeck in Frankfurt

 

erwähnte u.a. seinen Vortrag den er im April in Rostock gehalten hatte: Der Anlass war der Unternehmertag der Rostocker Unternehmer. Es war also eine Veranstaltung, die von Unternehmern aus unterschiedlichen Branchen des ostdeutschen Küstengebietes organisiert und durchgeführt wurde. Wenn ich Unternehmer sage, dann meine ich in der Tat Menschen, die sich damit beschäftigen, etwas zu unternehmen, zu investieren, etwas Neues zu wagen, und dafür ihr eigenes Geld einzusetzen. Richtige Unternehmer also, könnte man sagen.

Bei diesen Unternehmern trug ich etwa das Gleiche vor, was ich seit einigen Wochen über die Finanzkrise sage. Ich beschrieb, wie das System der Finanzmärkte funktioniert, und auf welche Weise man dort Gewinn machen kann. Interessant war es, zu sehen, wie die richtigen Unternehmer auf meiner Analyse der Finanzmarktteilnehmer, die ja von vielen auch als „Investoren“ angesehen werden, reagierten. Ich hatte den Eindruck, dass bis zu diesem Zeitpunkt, die meisten von ihnen geglaubt hatten, das Banker oder Hedgefonds Manager etwa das gleiche tun wie ein Unternehmer. Den meisten anwesenden Unternehmern war offensichtlich nicht klar, dass diese Leute an den Finanzmärkten völlig anders gestrickt sind als ein Unternehmer.

 

Das ist auch in der politischen Diskussion um die Finanzmarktkrise weiterhin ein vollkommen schwarzes Loch. Noch immer sind die Politiker nicht bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass an den Finanzmärkten, die von Herden solcher Manager oder Banker bevölkert werden, nichts passiert, was dem Tun eines richtigen Unternehmers ähnlich wäre. Finanzmärkte, wie ich an dieser Stelle schon oft gesagt habe, produzieren nämlich nichts, sie investieren auch nicht wirklich, sondern sie leben einzig und allein davon, dass sie auf einen fahrenden Zug aufspringen, und versuchen, rechtzeitig wieder abzuspringen.

 

Das kann man im Moment im Falle Griechenlands wunderbar erleben. Wer etwa einen der berühmten Credit Default Swaps (CDS) im Herbst vergangenen Jahres als "Versicherung "gegen einen Ausfall von griechischen Staatsanleihen gekauft hatte, erlebt jetzt, dass er auf wundersame Weise reich wird. Der Wert eines solchen Zockerpapiers steigt nämlich quasi stündlich, wenn nur die Hetze gegen Griechenland systematisch weiter geht. Der berühmte texanische Millionär also, der sich, ohne Europa im geringsten zu kennen, im Herbst vergangenen Jahres mit solchen CDS eindeckte, weil er sich einfach dachte, dass ein Land wie Griechenland nicht so sicher wie Deutschland sein könne, diese texanische Milliardär verdient jetzt Unsummen alleine dadurch, dass er seine damals zu einem geringen Preis gekauften CDS heute zu einem wesentlichen höheren Preis wieder verkaufen kann.

 

Das zeigt das Prinzip sehr schön: An diesen Märkten kann man unglaublich viel Geld verdienen, auch dann, wenn man nicht Werte schafft, sondern Werte vernichtet. Das haben die Unternehmer in Rostock sehr gut verstanden. Sie haben verstanden, dass dann, wenn sich Herden von Zockern auf ein bestimmtes Papier stürzen und dadurch den Wert dieses Papiers nach oben treiben, noch kein einziger Wert geschaffen wurde. Die reale Welt hat sich nämlich dadurch in keiner Weise geändert. Es ist somit nur die Illusion eines Wertes, der geschaffen wurde. Wenn es dann aber den professionellen Zockern gelingt, rechtzeitig von dem fahrenden Zug abzuspringen, dann haben sie natürlich unglaubliche Summen in ganz kurzer Zeit in ihre Taschen gesteckt, und die Frage, wer die Zeche hinterher bezahlt, interessiert niemanden mehr.

 

Ob es Zufall war oder nicht, die gesamte irrsinnige Diskussion um einen Staatsbankrott Griechenlands, hat dazu geführt, dass sich die selbst erklärten „Meister des Universums“ wieder als solche fühlen können. Es ist offensichtlich, dass dabei unsere Politiker wie Zirkusbären am Nasenring herumgeführt werden. Sie lassen sich aber offensichtlich gerne herumführen. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Europa es nicht geschafft hat, das Problem Griechenlands unter anderem südeuropäischen Länder auch nur ein einziges Mal vernünftig zu diskutieren, und zwischenzeitlich sogar einen „Plan“ in die Welt gesetzt hat, der wiederum den Meistern des Universums möglichst viel Gewinn versprochen hätte. Deutschland war es wohl, dass sich lange geweigert hatte zuzugestehen, dass Griechenland keine "Marktzinsen" zahlen kann. Dass „Marktzinsen“ die Zinsen sind, die von den Zockern, von den Rating Agenturen und der medialen Hetze gegen Griechenland gemacht werden, will man nicht zur Kenntnis nehmen.

 

Marktzinsen klingt ja so objektiv, so neutral, dass natürlich jeder naive Politiker und seine Berater dazu neigen, zu sagen, hier hat sich objektiv Angebot und Nachfrage getroffen, und kein Politiker kann besser bestimmen, welches der richtige Preis ist als diese "Märkte". Dass man an diesen Märkten den Preis durch gezielte Informationen und so genannte Studien der Zockerinstitutionen selbst manipulieren und eine bestimmte Richtung drängen kann, wollen wir nicht glauben, es würde unser Weltbild doch zu sehr stören.

 

Am Ende meiner Rede in Rostock gab es sehr viel Beifall. Ich glaube, dass die richtigen Unternehmer dort verstanden haben, dass sie sich nicht mit den Scheinunternehmern an den Finanzmärkten gemein machen sollten. Dem richtigen Unternehmer geht es in der Tat darum, durch seine Kreativität, durch seine Bereitschaft zum Risiko etwas Neues zu schaffen. Dabei geht es aber um das Schaffen im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht nicht um einen Scheinwert, der ein schnelles Abkassieren erlaubt, sondern es geht darum, eine neue Idee für lange Zeit tragfähig zu machen und tragfähig zu halten. Gute Politik wäre es, diesen Unterschied anzusprechen, und die richtigen Unternehmer anzusprechen, um mit ihnen zusammen und den richtigen Arbeitnehmern, zu verhindern, das aus Scheinwerten hohe Einkommen bezahlt werden, und der Steuerzahler hinterher dafür eintreten muss, wenn sich herausstellt, was sich herausstellen muss, dass die Scheinwerte nämlich nur Scheinwerte waren.