Gesellschaft und Kultur

06.11.2007

Vom Entscheiden

Was bedeutet es eigentlich: Sich für eine Sache entscheiden ?

Betrachten wir zuerst, wann der Vorgang des Entscheidens in Frage kommt und wie er sich abspielt, wenn ein einzelner sich für etwas entscheidet. Eine Entscheidung ist nur nötig, wenn ich zwischen zwei oder mehr Handlungs-Möglichkeiten aus-wählen muß. Im einfachsten Fall muß ich mich entscheiden, ob ich eine Sache tun will oder nicht. In kom-plizierteren Fällen muß ich auswählen, welche Art des Handelns ich verwirklichen oder ob ich untätig bleiben will.

Ob ich etwas selbst entscheiden kann, hängt davon ab, ob ich „erwachsen“ bin. Menschenkundlich gesehen ist das mit 21 Jahren der Fall. Ob ich auch selbst entscheiden will, ist eine Frage meines Emanzipationsgrades, meiner Emanzipation von Füh-rerpersönlichkeiten. Ob ich sinnvoll entscheiden kann, hängt von meinem Sachverstand ab. Ein Säugling kann noch nicht entscheiden, deshalb müs-sen das andere für ihn tun. Um Sachverstand - bezogen auf einen bestimmten Vorgang - wird sich derje-nige bemühen, der diesen Vorgang bewußt voll-ziehen will. Sachverstand entsteht aus Wahrneh-mung und Denken. Dabei liefert das Denken die allgemeine Gesetzmäßigkeit, die dem Vorgang zu Grunde liegt und die Wahrnehmung die vorliegenden speziellen Umstände. Aus der Verknüpfung von Wahr-nehmung und Denken (Erkenntnisvorgang) entsteht dann der Sachverstand, der eine sinnvolle Entschei-dung möglich macht.

Bisher wurden Entscheidungen betrachtet, die ein ein-zelner für sich (in seinem privaten Bereich) fällt. Nun sollen solche Entscheidungen untersucht werden, die mehrere fällen und die ihre Beziehungen untereinander betreffen, also in den Bereich der öffentlichen Ordnung fallen.

Vergleichen wir einmal das Heranwachsen und Bewußterwerden des einzelnen mit dem Bewußtseinsfortschritt der Menschen im Laufe der Zeiten. Da wird man, wenn man genügend weit zurückgeht, auf eine Zeit stoßen, in der die Menschen noch nicht selbst über die Formen ihres Zusammenlebens entscheiden konn-ten, das auch noch gar nicht wollten, wo die Gesetze noch von Führern festgelegt werden mußten.

Ich wage keine Aussage darüber, ob heute die Menschen aller Völker schon so weit sind, sich jeweils die Regeln für ihr Zusammenleben selbst zu geben. In un-serem Land scheint mir dies jedenfalls vorzuliegen.

Wenn also die Beobachtung ergeben sollte, daß die Re-geln unseres Zusammenlebens nicht sinnvoll sind, dann muß das mit dem Sachverstand derer zusammenhängen, die sie beschließen - falls man davon ausgeht, daß bei ihnen der gute Wille vorliegt, sinnvolle Regelungen zu schaffen. Mit sinnvoll wäre hier sachgerecht und zweckmäßig gemeint und zwar nicht für eine kleine Interessengruppe, sondern für die gesamte Bevölkerung.

Sinnvoll kann ein Gesetz nur sein, wenn es von denjenigen festgelegt wird, die an den Vorgängen beteiligt sind, die in dem Gesetz geregelt werden. Nur diese verfügen über die erforderlichen Wahr-nehmungen (siehe oben). Es kommt also alles darauf an, jeweils herauszufinden, wer an den Vorgängen beteiligt ist, die geregelt werden sollen und daß nur diese „Gruppe“ festlegt, wie künftig zu verfah-ren ist. Diese Gruppe kann sich den erforderlichen Sachverstand für eine sinnvolle Regelung erwerben.

Eine solche Gestaltung könnte dazu führen, daß neue Regelungen im öffentlichen Leben nicht mehr auf rein formalem Wege zustande kommen, sondern daß durch das Eingehen auf die zu regelnden Vorgänge sachgerechte und zweckmäßige Entscheidungen gefällt würden.

GeorgvonMaintal 58 / 06.11.07