Gesellschaft und Kultur

17.06.2000

Abschied von der alten Allgemeinbildung

Schüler lernen heutzutage nicht fürs Leben, sondern für die Zeugnisnoten

Der Begriff Allgemeinbildung hat Konjunktur. Fast wöchentlich können wir in irgendeiner Zeitschrift unsere Bildung testen. Die Beantwortung von Kreuzworträtselfragen verspricht Millionengewinne bei Kai Pflaume oder Günter Jauch. Und der besonders Wissensdurstige kauft sich den Bestseller eines Hamburger Professors oder den letzten Band der Duden-Redaktion, wo er dann erfährt, was ein gebildeter Mensch wissen sollte.

Wer lernen WILL, lernt besser !  Kleine Kinder lernen mit Begeisterung: Laufen, sprechen, die Welt begreifen.

In besonderer Weise wird in unseren allgemein bildenden Schulen das Ideal der Allgemeinbildung hochgehalten, und der Gymnasiast krönt seine langjährige Laufbahn mit dem Abitur und weist damit nach, dass er über eine vorbildliche Allgemeinbildung verfügt. Doch was lernen unsere Schüler im Laufe ihrer Schulzeit ? Hier eine kleine Auswahl: Was ist der Unterschied zwischen der variskischen und der kaledonischen Gebirgsbildung? Wie heißen die Wildpflanzen der Jungsteinzeitmenschen?

Was weißt du über verminderte Terz, große Sekunde, das Totenbuch der alten Ägypter, die Stellung des Gottkönigs Pharao, die skandinavischen Länder und die Halbinseln Europas? Wende jeweils das "Kommutativ-, das Distributiv- und das Assoziativgesetz" an. Wie berechnet man die Anzahl der Diagonalen in einem n-Eck?

Die Merkmale aller Lippenblütler, Schmetterlingsblütler, Rosenblütler, Korbblütler, Kreuzblütler und Kieferngewächse werden ebenso selbstverständlich abgefragt wie das Wissen über die Nahrungsaufnahme und Verdauung des Süßwasserpolypen und die Einzelmerkmale der Beine verschiedener Insektenarten. Dazu kommen die Satzglieder im deutschen Satz und das Past Simple der unregelmäßigen Verben im Englischen.

Selbst ein Studium der Philosophie ist keine Garantie dafür, folgende Klassenarbeitsfrage zu beantworten: "Schreibe alle 10 Sachverhalte auf, die für das Zusammen-Nachdenken wichtig sind!" Als Trost bleibt dem mitlernenden Elternteil die Genugtuung, dass man bei der nächsten Party seine Gesprächspartnerin mit der Frage verblüffen kann: "Meinen Sie nicht, dass Wim Wenders in seinem letzten Film statt der Nahaufnahmen mehr die amerikanische Einstellung hätte verwenden sollen?" Vor ein paar Monaten wurden diese Fragen, die innerhalb von vier Wochen in einer 6. Klasse eines Gymnasiums gestellt worden waren, einem Kreis von Lehrern vorgelegt. Kaum einer war im Stande, auch nur einen Bruchteil zu beantworten. Trotzdem befürworteten viele Pädagogen diese Fragen - besonders diejenigen aus dem eigenen Fachbereich.

Ist unser althergebrachtes Konzept einer allgemeinen Bildung überhaupt noch zeitgemäß? Muss ich etwas über Goethe wissen? Hat jemand das Recht auf einen anderen herab zu sehen, weil er Shakespeare nicht kennt? Der Mathematiker rümpft die Nase, wenn jemand auf den Gedanken kommt, den allgemein bildenden Beitrag von Kurvendiskussionen, binomischen Formeln, ja vielleicht sogar des Bruchrechnens anzuzweifeln. Nicht selten sieht der "Gebildete" das, was er selbst weiß, als Allgemeinbildung an und grenzt sich so von der ungebildeten Masse ab.

Im Mittelalter erwartete man Bibelkenntnisse, Latein und Grundkenntnisse der Rhetorik von einem jungen, gebildeten Adligen. Heute sind, nach einer Meinungsumfrage, die meisten Menschen der Meinung, dass Englisch- und Computerkenntnisse und vielleicht auch noch das Wissen über Politik, Medizin, Technologie, Medien sowie Ökologie und Ökonomie wichtig sind. Doch wer hat den Mut unseren Schulen und all den Fachinteressensverbänden zu sagen, was von dem in Jahrzehnten angehäuften Stoff unwichtig ist?

Eine neue Definition dessen, was wir unter Grundbildung verstehen wollen, darf nicht mehr nur den Vertretern der verschiedenen Schulfächer überlassen werden. Wenn wir wirklich, wie es allerorts heißt, die Qualität unserer Schulen verbessern wollen, ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens über die Ziele von Schule und Schulbildung nötig. Die Schülerfrage "Wofür brauche ich das?" mussernst genommen werden. Und die Frage "Kommt das in der nächsten Arbeit dran?" muss irgendwann einmal der Vergangenheit angehören. Untersuchungen legen nahe, dass die Fächer oft um ihrer selbst willen unterrichtet werden und unsere Schulen sich immer mehr von der alltäglichen Realität entfernen. Es scheint mitunter, dass eine Fremdsprache um der abprüfbaren Fremdsprachenkenntnisse willen gelehrt wird - und nicht, um damit im täglichen Leben etwas anzufangen. Mathematischer Schulstoff wird durchgenommen, weil er als Grundlage für weiteren mathematischen Schulstoff dient und die Schüler pauken biologische Fakten, damit sie bei der nächsten Klassenarbeit eine gute Note bekommen.

In den Vereinigten Staaten forderte ein Erziehungswissenschaftler vor einiger Zeit die Lehrer auf, ihren Stoff so zu unterrichten, als ob er erst ein Jahr später in einer Prüfung abgefragt werden würde. Für manche Lehrer war das der Beginn einer radikalen Unterrichtsreform. Das Hauptziel unserer Schulen ist nicht, wie viele glauben, die Vergabe von Noten und Berechtigungsscheinen. Aber bisher findet die Öffnung der Schule zum Leben zumeist nur in der Fachliteratur oder bei einer Minderheit von Schulen und Pädagogen statt. Statt dem jungen Menschen Methodenkenntnisse, Arbeitstechniken, Problemlöse- und Lernstrategien zu vermitteln, die ihn zu lebenslangem Lernen befähigen, verlangt unsere Schule immer noch Kenntnisse, die für die meisten Schüler in ihrem Leben nie wieder eine Rolle spielen werden. Mit dem Argument der Allgemeinbildung werden Schüler gezwungen, etwas zu lernen, was sie nicht lernen wollen, wofür sie kein Talent haben und dessen Sinn ihnen keiner erklären kann. Auf diese Weise dient unser Schulsystem eher dazu, den Schülern zu zeigen, was sie nicht können, anstatt ihre Talente zu entdecken und zu fördern.

Viele halten das deutsche Bildungssystem mit dem Anspruch der allgemeinen Bildung für das weltweit beste und sehen manchmal geringschätzig auf die Länder herab, in denen eine stärkere Spezialisierung der Schüler auf Grund ihrer persönlichen Interessen und Fähigkeiten möglich ist. Die aktuelle Debatte über fehlende Experten im Computerbereich verweist allerdings in eklatanter Weise auf die Schwächen unseres Bildungs- und Ausbildungssystems. Es ist an der Zeit, unser Selbstverständnis zu hinterfragen. Eine ernsthafte Debatte über den Mythos der Allgemeinbildung sollte am Anfang stehen.

Ulrich Gibitz ist Dezernent am Landesinstitut für Schule und Ausbildung in Schwerin; veröffentlicht in der WELT-Online