Gesellschaft und Kultur

27.12.2006

Zum Begriff von Herrschaft

 

Unter "Herrschen können" verstehe ich, dass ein Mensch die Fähigkeit und die Gelegenheit hat, über etwas zu bestimmen, dass er die Möglichkeit hat, sein eigenes Tun bzw. dasjenige anderer Menschen durch seinen Willen zu lenken. Wenn sich der Wille auf die eigene Tätigkeit richtet, könnte man von „Selbstbeherrschung“ sprechen, wenn er sich auf die Tätigkeit anderer richtet, handelt es sich um deren Fremdbeherrschung.

 

Die Fähigkeit zur „Selbstbeherrschung“ ist bei den Menschen erst ziemlich schwach ausgebildet. Man kann sich eine erhebliche Steigerung vorstellen. Vor der Lenkung des eigenen Tuns müsste zunächst die autonome Motivbildung liegen. Der einzelne Mensch müsste sich die Fähigkeit erwerben, sich seine Motive selbst BEWUSST zu setzen. Anschließend wären diese selbstgesetzten Motive dann mit Hilfe des eigenen Willens zu verwirklichen,

Heute werden die meisten Motive der Menschen noch nicht bewusst von ihnen selbst gesetzt, sondern fremdbestimmt: durch Tradition, Sitte, Gewohnheit, Gesetze des Staates. Es sind jedoch künftige Zustände denkbar, in denen die Menschen sich zunächst ihre Motive selbst setzen und später solche, wo sie auch in der Lage sind, die selbstgesetzten Motive handelnd zu verwirklichen.

Heute sind wir von diesen Zuständen noch weit entfernt und die augenblickliche Aufgabe liegt auf zwei verschiedenen Ebenen, besteht aus zwei Teilen:

1.    der persönlichen Weiterentwicklung, Vervollkommnung des einzelnen Menschen und

2.    der bestmöglichen Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen (für die Menschen des heutigen Entwicklungsstandes) einschließlich des Umgangs mit der übrigen Welt (Tiere, Pflanzen, Stoffe).

Die erste Teilaufgabe liegt auf der Privatebene und ist die Voraussetzung jeglicher Höherentwicklung der Gemeinschaft. Ohne die persönliche Weiterentwicklung des einzelnen bliebe jede Entwicklung stecken. Die zweite Teilaufgabe liegt auf der Gemeinschaftsebene. Auch hier handelt es sich um eine Daueraufgabe; denn die sich laufend wandelnden inneren und äußeren Zustände erfordern eine ständige Anpassung der Regeln: Was „gestern“ noch bestmöglich geregelt war, braucht es „heute“ nicht mehr zu sein und „morgen“ wird die Regelung von „gestern“ zur Fessel für die weitere Entfaltung. So behindern veraltete Bestimmungen und Einrichtungen (Ebene 2) die Höherentwicklung des einzelnen (Ebene 1) und der evolutionäre Prozess kommt ins Stocken.

Die Art und Weise, wie die Regeln, Bestimmungen und Einrichtungen auf der Gemeinschaftsebene zustande kommen, darf nicht immer die gleiche bleiben. Sie muss vielmehr den Emanzipations- und Individualisierungsprozess der Menschen berücksichtigen. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto einförmiger, unbewusster und weniger individuell waren die Bewusstseinszustände  wobei ich die herausragenden Führerpersönlichkeiten ausnehme. Allmählich führte die Entwicklung zu individuelleren und bewussteren Zuständen und mit der Individualisierung ging ein Andersartig werden einher, die alte Gleichförmigkeit nahm ab.

Die noch unbewussteren Menschen benötigen eine Führung von außen und diese funktionierte auf Grund der größeren Gleichartigkeit lange Zeit recht gut. Mit stärker werdender Bewusstheit und wachsender Verschiedenartigkeit der Menschen wuchsen jedoch die Probleme der Führer. Bei den Menschen stieg das Bedürfnis, die Führung von außen durch eine solche von innen zu ergänzen, die alte Außensteuerung allmählich durch eine Innensteuerung (aus dem einzelnen heraus) zu ersetzen.

Diese Verwandlung erstreckte sich über Jahrhunderte und ist noch im Gange. Heute tritt sie immer deutlicher in Erscheinung, und zwar in den Bürgerinitiativen, die ja in das hergebrachte Ordnungssystem nicht hineinpassen. Einzelne Bürger äußern das Bedürfnis, mit ihren Vorstellungen und Forderungen auf die Bestimmungen und Einrichtungen der Gemeinschaft Einfluss zu nehmen. Diese Bürger empfinden ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft, obwohl sie weder durch Geburt, noch durch Ernennung, noch durch Wahl dazu bestimmt wurden, Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen.

Dies geschieht parallel zum immer deutlicher wahrnehmbaren Dekadenter werden der Führer. Die äußeren Umstände, unter anderem eine zunehmend verseuchte Naturgrundlage, tun ein Übriges, um den einzelnen Bürger aufzuwecken, ihm zu zeigen, dass ohne seine Mitwirkung nur eine Verschlimmerung der Zustände zu erwarten ist. So weitet sich die Bürgerinitiativbewegung aus.

Damit steigt aber auch die Notwendigkeit, dem neuen Bewusstseinszustand durch neue Einrichtungen Rechnung zu tragen. Die alte Einrichtung, bestimmte einzelne (die Parlamentarier) durch Wahlen zu bevollmächtigen, an Stelle aller die erforderlichen Regelungen festzulegen, darf ihre Monopolrolle nicht behalten. Den Bürgern, die mitwirken wollen, muss ebenfalls eine Möglichkeit dazu geboten werden. Diese Bürger auf die Mitarbeitsmöglichkeit in den Parteien zu verweisen, kann keine Lösung des Problems sein! Denn die Parteien haben sich als völlig unfähig erwiesen, die anstehenden Probleme zu bewältigen. Das war mit ein Hauptgrund für die Entstehung der Bürgerinitiativen. Die Bürger wollen keine Parteikarriere machen, sondern an der Bewältigung der Probleme mitarbeiten.

Bisher üben die Parlamentsfraktionen der Parteien die Herrschaft aus. Nun müssen Wege gefunden werden, allen Landesbewohnern eine Mitwirkungsmöglichkeit einzuräumen. Das ist ohne eine Änderung der alten Einrichtungen nicht möglich. Es sind Verfahren zu schaffen, die neben die alten treten. Die Nutzung und Auswirkung der neuen Verfahren wird mit dem weiteren Bewusstwerden der Menschen wachsen, so dass die alten Einrichtungen allmählich zugunsten der neuen Verfahren schrumpfen und schließlich ganz verschwinden. An die Stelle der Herrschaft von außen wird immer mehr diejenige von innen treten.

 

Georg von Maintal 349 / 27.12.06