Gesellschaft und Kultur

28.12.2004

Der Faktor ZEIT

 

„Zeit ist Geld“. Alles muss schnell gehen. Wenn man einen Wunsch hat, so muss er noch am selben Tag befriedigt werden können. Warten bedeutet Mangel und der kommt nur in den „sozialistischen Ländern“ vor. Bei uns herrscht Überfluss.                                                                                                                                                                                                       

Jeder kann jederzeit alles haben, wonach ihn gerade gelüstet. Wir sind verwöhnt, haben die anderen aus den Augen verloren und machen uns keine Gedanken darüber, wie der Überfluss bei uns zustande kommt und auf wessen Kosten er entsteht. Wir wissen nicht, dass Entwicklung Zeit erfordert; denn wir halten uns für entwickelt, haben also mit diesem Problem nichts zu tun.

In Wirklichkeit sind wir nur grenzenlos überheblich und dumm. Unsere Art der „Entwicklung“ stellt uns bloß, und wir merken das gar nicht. Die Bevölkerungen vieler Länder leiden unter den Methoden und Maß-nahmen, die wir ihnen aufzwingen und „die Erde“ als Lebensgrundlage aller, wird von uns rücksichtslos zu Grunde gerichtet. Wann werden wir bemerken, dass wir die Unterentwickelten sind?

Hektik und Stress nehmen uns die Möglichkeit, sachgerecht über den Faktor „Zeit“ nachzudenken. Wir brauchen Muße, um zu uns selbst zu kommen, um unterscheiden zu lernen, welche Fragen wirklich wichtig sind und um dann deren Beantwortung zu versuchen.

Einer der Grundirrtümer in heutiger Zeit besteht darin, dass sich der zeitliche Abstand zwischen dem Auf-treten einer neuen Idee und der Verwirklichung derselben fast beliebig verkürzen lasse. Die überhastete Realisierung vieler Ideen zeigt immer wieder, dass man es mit „fixen Ideen“ zu tun hatte und dass es wesentlich besser wäre, sie nicht so schnell in die Tat umzusetzen. Das bezieht sich vor allem auf technische Großprojekte - in Bezug auf die soziale Gestaltung werden ja so gut wie keine Ideen hervorgebracht, man zehrt von den überholten Errungenschaften vergangener Jahrhunderte.

Dabei wäre es nötig, dem Bewusstseins fortschritt der Menschen entsprechende Neugestaltungen zu suchen und sich darüber klarzuwerden, dass neue Gedanken auf diesem Gebiet die Zeit einer Generation (33 Jahre) benötigen, um aus den Köpfen einiger weniger in die Empfindungen einer genügend großen Anzahl von Menschen überzugehen. Wenn sie dort verankert sind, wird es möglich, dass ein unmanipulierter Wandel der sozialen Verhältnisse bewirkt werden kann, ein Wandel, der sich eben auf die Empfindungen der betroffenen Menschen stützt und von diesen Menschen gemeinsam beschlossen wird.

Georg von Maintal 1290 / 28.12.04