Gesellschaft und Kultur

11.05.2009

„Die Weisheit der Vielen“

Zusammenfassung des Buches von James Surowiecki

Der Autor untersucht in dem Buch das soziale und politische Entscheidungsverhalten von Gruppen und Großkollektiven und vergleicht sie mit den Entscheidungen von Individuen, die mehr oder weniger gut über den Gegenstand der Entscheidung informiert sind. Außerdem beschreibt er kalkulierte Verhaltensweisen von bestimmten privaten und öffentlichen Entscheidungsträgern.
Die Kernausage von Surowiecki lautet:
Große Gruppen treffen zuverlässiger als Experten die richtige Entscheidung, weil es in Großgruppen eine genügend große Anzahl von gut informierten Menschen gibt und extreme Ansichten keine entscheidende Mehrheit bekommen. Surowiecki bezieht sich dabei auf die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen von Soziologen und Psychologen. Damit in Gruppen freie Entscheidungen möglich sind, müssen folgende Vorbedingungen herrschen:

Meinungsvielfalt, Unabhängigkeit der entscheidenden Individuen (keine Beeinflussung durch andere), Dezentralisierung der Entscheidungsmacht (alle dürfen mitentscheiden), Bündelung der individuellen Urteile zu einer kollektiven Entscheidung. (Die Entscheidung kann eine bloße Feststellung oder einen Handlungsauftrag betreffen.) Kollektive Entscheidungen sind nur weise, wenn sie auf verschiedenartigen Informationen der Entscheidungsträger beruhen. Diese dürfen nicht zu sehr auf andere hören.
     
Dezentralisierung setzt voraus, dass es keinen zentralen Entscheider gibt, dem die anderen zu folgen haben oder geneigt sind zu folgen. Dabei haben die Menschen die Freiheit, sich zu spzialisieren und bei Bedarf mit anderen zu kooperieren. Wertvolle Informationen, die individuell vorliegen, müssen allgemein zugänglich sein. Ein dezentrales System benötigt deshalb Mittel zur Bündelung und Verteilung derInformationen.

Jeder Mensch (und das schließt Experten ein) handelt beschänkt rational und verfügt über weniger Informationen, als er zu einer fehlerfreien Entscheidung braucht. Erfahrungsgemäß schlägt Gruppenintelligenz regelmäßig die Einzelintelligenz, denn Menschen sind darauf programmiert, im Kollektiv klug und weise zu sein. Die Tatsache, dass es kollektive Intelligenz gibt, bedeutet aber nicht, dass sie auch gescheit genutzt wird. Die Entscheidungen von Gruppen können konventionell oder kollektiv sein, wobei konventionelle Enscheidungen die Weisheit des Kollektivs am wenigsten nutzen.

Für das kluge Verhalten von Gruppen bedarf es keiner dominanter und intelligenter Mitglieder. Was uns in die Irre führt, ist der Drang den Gescheitesten zu finden. Isolierte Intelligenz gewährleistet keine verschiedene Sichtweisen auf ein Problem. In kooperierenden Gruppen ist regelmäßig der Zutritt von neuen Gedanken von außen nötig. Die Andersartigkeit von Gedanken bedeutet einen höheren Zugewinn als die Kenntnis von bestehendem Wissen.

Homogene Gruppen fallen oft dem Gruppendenken zum Opfer. Dieses entsteht daraus, dass Entscheidungsträger in ihrer Mentalität und Weltanschauung zu ählich sind. Es ist regelmäßig zu beobachten, dass in Gruppen, wo persönliche Beziehungen stark sind, weise Entscheidungen weniger wahrscheinlich werden. Der Zwang zur Konformität in kleinen, kooperierenden Gruppen verhindert die zum Erfolg notwendige freie Meinungsbidung. Unabhängiges Denken ist unter dem Druck der Gruppe nicht leicht zu erreichen. Wenn aber alle das Gleiche denken oder glauben, machen alle den gleichen Fehler. Allerdings haben die meisten Menschen die Neigung, sich der Meinung anderer anzuschließen, sei es, weil sie den gleichen Erfolg wollen oder nicht anecken wollen.

Bei der Entscheidung über eine definierte Aufgabe durch isolierte Individuen, innerhalb von Gruppen aus Nichtexperten, die über ungenügende Information verfügen, muss jeder Beteiligte erst einmal unabhängig Alternativen aufspüren, dann nach Gutdünken ohne Absprache eine Lösung vorschlagen. Wenn die Idealbedingungen der freie Entscheidung vorliegen, wird die Mehrheit der richtigen Entscheidung nahe kommen.

Ein Enscheidungssystem im Sinne eines freien Marktes kann künftige Erfolgsträger nicht im voraus bestimmen, jedoch hat es die Fähigkeit, Verlierer schnell zu identifizieren und zu eliminieren. Die schiere Größe eines Marktes sorgt dafür, dass eine große Vielfalt an Teilnehmern mit unterschiedlichen Zielen und individueller Handlungsbereitschaft besteht.

Das Herdenverhalten bei wirtschaftlichen Entscheidungen führt oft in die Katastrophe, wie bei Spekulationsblasen immer wieder zu beobachten ist. Während unabhängige Individuen sich dem Herdenverhalten eigentlich leicht entziehen könnten (aber nicht tun), sind professionelle Invetitionsentscheider durch den Zwang zum schnellen Erfolg gezwungen, sich wider rationale Einsicht der Masse der übrigen Entscheider anzuschließen. Zumindest fü eine Zeitlang ist es rationaler, der Herde zu folgen. Der Zeitpunkt zum rechtzeitigen Ausstieg wird oft nur deshalb verpasst, weil eine vernunftwidrige Hoffnung auf noch mehr Gewinn besteht und beim Notausstieg aus einer Investiton unwiderruflich ein Verlust entsteht.

In Bezug auf die Vorhersage der Zukunft gibt es keine Experten, vielmehr haben diese eine erbärmliche Leistungsbilanz. Die Tatsache, dass ein Experte in der Vergangenheit richtige Vorhersagen getroffen hat, ist kein Beweis, dass er dies auch in Zukunft tun wird. Eine Gruppe von verschiedenartigen Leuten gibt verlässlichere Prognosen.

Massenhafte Fehlentscheidungen entstehen manchmal durch eine „Informationskaskade“, auch „Epidemie“ genannt, wo eine voreilig als vorteilhaft erkannte Entscheidung von vielen nachgeahmt wird, aber wenige Zeit später die Entscheidung sich als unvorteilhaft herausstellt. Für Nachahmer einer für gut gehaltenen Entscheidung, die ihre entscheidungsleitenden Informationen aus dem zunächst erfolgreich scheinenden Verhalten anderer beziehen, scheint es vorteilhafter, eigene Bedenken zurückzustellen, wenn schnelles Nachahmen Gewinn verspricht. Nachahmung ist eine natürliche Reaktion des Menschen, vor allem wenn die Grenzen des Erkennens bewusst werden. Nachahmung nutzt das Wissen, das andere bereitstellen und vermeidet Nachteile durch eigene Fehlerfahrungen. Das Nachahmen muss aber mit Bedacht erfolgen. Die Nachteile von Fehlentscheidungen durch Informationskaskaden werden dadurch abgebremst, dass es risikoscheue Menschen gibt, die ihre Entscheidungen eher auf eingen Überlegungen und Erfahrungen stützen und nicht blind nachahmen. Gewichtige massenhafte Entscheidungen werden nicht im Zusammenhang mit einer Informationskaskade gefällt. Bei technischen Fortschritten warten die meisten Investoren erst eine gewisse Zeit ab, bevor sie sich zur Nachahmung entscheiden. Kaufentscheidungen werden –abgesehen von der Mode- nicht aufgrund des Nachahmungstriebs, sondern nach sorgfältigen eigenen Überlegungen getroffen.
Menschenmassen verfügen über die Fähigkeit, schwierige Koordinatonsprobleme ohn zentrale Regelung allein durch individuelle entscheidungen zu lösen. Typisches Beispiel ist eine Menge von Fußgängern, die sich schnell und störungsfrei auf der Straße aneinander vorbei bewegt. Das Geheimnis dabei ist die Fähigkeit aller Beteiligten, das Verhalten der anderen richtig vorzuahnen.

Manche Bewegungsmuster von freien Massen müssen aber durch vorher bestimmte Regeln gesteuert werden, wie etwa beim motorisierten Verkehr. Die Menschen halten sich an die Verkehrsregeln, weil sie glauben, dass andere es auch tun. Die Einhaltung von Regeln belohnt mit dem Erfolg des schnellen und unfallfreien Vorwärtskommens.

In Warteschlangen oder bei der Belegung von öffentlichen Sitzplätzen verhelfen gesellschaftliche Konventionen über das richtige Verhalten (z.B. Reihenfolge, Schutz des Bestehenden) zu einer weitgehend störungsfreien Begegnung der Menschen. Sofern eine Konvention allgemein akzeptiert und verinnerlicht ist, vermögen auch gelegentliche Verstöße dagegen den Glauben an ihre nutzbringende Wirksamkeit nicht zu erschüttern.

Im Wirtschaftsleben gibt es Konventionen, die sich gebildet haben, weil ihre Einhaltung für alle Beteiligten den größten Vorteil bringen. Stilbildend waren im 18. und 19. Jahrhunder die Quäker, die aus religiöser Überzeugung sich eines streng moralischen Verhaltens bei Geschäftsabschlüssen befleißigten. Sie wurden dabei vermögend und ihre andersgläubigen Geschäftspartner ebenfalls. Man lernte: Ehrlichkeit zahlt sich aus. Der Kapitalismus entwickelte sich, trotz seiner Auswüchse zu gewissen Zeiten, in Richtung mehr Vertrauen und Transparenz und mehr allgemeinen Wohlstand. Das ursprünglich persönliche Vertrauen zwischen Partnern wurde zu einem unpersönlichen allgemeinen Vertrauen in der Gesellschaft.

Die meisten erfolgreichen Geschäftsvorgänge beruhen auf dem Vertrauen der Beteiligten in die Redlichkeit des Geschäftspartners. Freilich bedarf es für alle Fälle der staatlichen Rechtsordnung im Hintergrund. Die Öffentlichkeit erwartet von allen handelnden Personen prosoziales Verhalten und Gegenseitigkeit, ohne die ein konfliktfreies Kooperieren nicht möglich ist. Im Geschäftsleben geht es weniger um Vertrauen als um die Haltbarkeit von Beziehungen. Der „Schattten der Zukunft“, d.h. die Möglichkeit unsoziales Verhalten zu bestrafen, bestimmt unser öffentliches Verhalten beim Kooperieren. Die Bereitschaft zur Kooperation mit anderen, auch Fremden, ohne unmittelbare Vorteile, ist trotz ihrer Irrationalität in unserer Gesellschaft verankert. Die Bereitschaft zur Prosozialität wächst mit dem Grad der Marktorientierung einer Gesellschaft. Dennoch haben gerade die Fehlentwicklungen des Finanzkapitalismus gezeigt, dass Vertrauen zwar gut, Kontrolle jedoch besser ist. [Surowiecki nimmt in seinem 2004 erschienen Buch insbesondere Bezug auf die unkontrollierten Börsenblasen des Milleniumwechsels. Er weist auch auf Geldwäsche und Off-Shore-Banking hin. Von der Finanzkrise konnte er noch nichts wissen.]

Unfaires Verhalten stößt auf Ablehung und Widerstand. Bei Experimenten zur Teilung von Gewinnen (Ultimatum-Spiel) stellte sich heraus, dass die Menschen lieber leer aus gehen, als einem anderen einen übermäßigen Teil der Beute zu gönnen. Die Menschen erwarten, dass ein plausibles Verhältnis zwischen Leistung und Belohnung besteht. Sogar in Bezug auf Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben, insbesondere den gerechten Gewinn, gibt es kollektive Grundüberzeugungen, gegen die auch in den USA nicht ungestraft verstoßen werden darf. Die leistungslosen riesigen Einkünfte von Managern werden in der Öffentlichkeit keineswegs als selbstverständlich akzeptiert. Allerdings gibt es auf der Welt kulturell unterschiedliche Vorstellungen über Fairness und Gerechtigkeit. Amerikaner werten Reichtum als eine Folge von Tatkraft, Europäer als eine Folge von glücklichen Umständen.

Die amerikanischen Steuerzahler lösen in der Mehrzahl das Kooperationsproblem mit dem Steuerstaat vorbildlich, indem sie anstandslos Steuern zahlen, obwohl die amerikanische Steuerfahndung mangels Personal kein dichte Kontrollen durchführen kann, und alle finden, dass die Steuern zu hoch sind. Der gewöhnliche Steuerzahler verhält sich bedingt zustimmend, was damit erklärt wird, dass andere sich ebenfalls gesetzestreu verhalten. Man sieht in der Zustimmung zum Steuersystem die allgemeine Bereitschaft der Bürger, sich an Regeln und Konventionen zu halten.

Bei der Nutzung von knappen und empfindlichen öffentlichen Gütern, wie den Straßen, hilft Freiwilligkeit und gesunder Menschenverstand nicht. Die Bürger wollen die Straßen ohne Rücksicht auf andere oder Umweltbelastungen nutzen und können nur durch staatlichen Zwang zu anderem Verhalten veranlasst werden. In Mexiko-Stadt hat man erfolglos versucht, den Verkehr dadurch zu vermindern, dass man die Endziffer einer Autonummer einem bestimmten Wochentag zur Benutzung der Straßen der Hauptstadt zuteilte, was dazu führte, dass manche Autofahrer sich Zweitwagen zulegten. Der Verkehr wurde nicht weniger. In London hat man eine City-Maut eingeführt, die zu einer leichten Beschleunigng des nach wie vor dichten Verkehrs führte. In Singapur hat man sich zu prohibitiv hohen Gebühren entschlossen, gleichzeitig den öffentlichen Nahverkehr verbessert, wodurch der Autoverkehr drastisch vermindert wurde. In den USA würde es kein Politiker wagen, durch Gebühren den Autoverkehr zu drosseln, denn der amerikanische Sinn für Bürgergleichheit erlaubt nicht, dass nur den Reichen die Benutzung eines öffentlichen Gutes möglich wird.

Die freiwillige Kooperation in der Wissenschaft, vor allem in den Naturwissenschaften, ist heute international sehr gut, was aber nicht auf der Charakterstärke der Wissenschaftler beruht. Wissenschaftler waren und sind egoistische Eigenbrötler, aber aus technischen Gründen gezwungen, im Team zu arbeiten. Sie suchen zugleich Bestätigung ihrer Forschungsergebnisse wie Anerkennung, und die erhalten sie nur im Austausch gegen ihre Forschungsergbnisse mit anderen Teams. Die allgemeine Anerkennung eines Gedankens in der Wissenschaft macht ihn zur Wahrheit oder wenigsten zu erfolgreichen Hypothese. Es gibt ein stillschweigendes Vertrauen in die kollektive Weisheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft. In der Wissenschaft herscht keine Demokratie, und Nachwuchswissenschaftler leiden unter der Prominenz älterer Forscher, die regelmäßig auch für mittelmäßige Veröffentlichungen große Aufmerkamkeit finden. Reputation ist immer noch bedeutsamer als gut Arbeit.

Kleingruppen, die gut zusammenarbeiten, besitzen kollektive Intelligenz. Wenn aber starker Leistungs- und Konkurrenzdruck oder hierarchisches Denken oder eine despotische Persönlichkeit die Gruppe beherrscht, können katastrophale Fehlentscheidungen die Folge sein. Gruppenbeschlüsse sind erfolgreicher, wenn neue Gedanken jederzeit unverfälscht berücksichtigt werden und jedes Gruppenmitglied die Chance der freien Meinungsäußerung bekommt. In der Gruppe darf kein nachlässiger Konsens herrschen, vielmehr veranlassen abweichende Standpunkte die übrigen Mitglieder ihre bisherige Position zu hinterfragen. Allerdings neigen Gruppen nach ausgiebiger Diskussion zu eine Radikalisierung ihrer Standpunkte. Das kann auch dazu führen, dass risikoscheue Personen noch vorsichtiger werden. Menschen, die von sich sehr überzeugt sind, können einer Gruppe ihren Standpunkt aufdrängen. Die Reihenfolge von Wortmeldungen entscheidet oft den Ausgang eine Diskussion. Frühe Beiträge legen den Rahmen für die weitere Erörterung. Die Bedeutung oder Wortführerschaft eines Diskutanten in eine Gruppe hängt auch von dessen gesellschaftlicher Stellung ab. Wer lange spricht, wird für bedeutend gehalten.

Wirtschaftsunternehmen sind Inseln bewusst ausgeübter Macht, wo eigentlich marktfremde Instrumente eingesetzt werden: Pläne, Befehle, Kontrolle. Damit ein Unternehmen erfolgreich ist, muss es seine Mitarbeiter als Träger von Fähigkeiten betrachten und gut koordinieren. Ausgeprägte Hierarchien und lange Entscheidungswege behindern den unternehmerischen Erfolg. Wenn das Verschweigen von Fehlern und Problemen beruflichen Erfolg bringt, haben einzelne ewas davon, jedoch wird das Unternehmen geschwächt. Das Vorgeben von unereichbaren Zielen fördert nur Täuschung und Heuchelei, und auf den oberen Rängen der Unternehmensleitung die Selbstbedienung.
Die Dezentralisierung von Entscheidungen und die Freiheit für Initiative vor Ort erhöht die Produktivität eines Unternehmens. Unternehmensvorstände tragen vermutlich wenig zum Erfolg eines großen Unternehmens bei. Die meisten strategischen unternehmerischen Entscheidungen der letzten Jahre haben den Unternehmen eher geschadet. Die CEOs [Chief Executive Officer = alleiniger Geschäftsführer] erhalten ihre Position, weil sie woanders erfolgreich waren, was jedoch keine Garantie für die Zukunft ist. Erfolg kann auch durch Zufall erreicht werden, und einsame Entscheidungen sind nicht immer die Besten.

An Aktienmärkten herrscht nicht kühle Berechnung , sondern der Herdentrieb der Käufer und Verkäufer. Den Anleger interessiert nicht der Ertragswert der Anlage, sondern der Spekulationswert, wie ihn andere einschätzen. Professionelle Anleger haben die gleichen Schwäche wie gewönliche Menschen. Die meisten Aktienpreise haben mit dem Wert des betreffenden Unternehmens nichts mehr zu tun. Die professionellen Entscheidungsträger denken sehr ähnlich und mnchmal alle in die gleiche falsche Richtung. Im Aktienmarkt weckt paradoxerweise ein steigender Preis für eine Ware das Interesse der Käufer, was in der Realwirtschaft die gegenteilige Reaktion auslösen würde.

Die Demokratie in den USA beruht auf einer zutiefst philisterhaften Gesellschaft. Die Bürger gehen wählen, obwohl nach den Kriterien des Marktes der Wahlerfolg gering ist. Man vermutetet, dass sie das aus politischem Pflichtgefühl tun. Die Bürger zeigen geringe Neigung, sich zu informieren und sie wissen erschreckend wenig über Politik. Zwar sind gewöhnliche Bürger bei ausreichender Information und freiem Meinungsaustausch in der Lage, komplizierte Sachverhalte zu verstehen und sinnvoll unter den Standpunkten auzuwählen. Es ist unklar, ob die Wähler eher nach Prinzipien des Marktes entscheiden, indem sie den eigenen Nutzen ihrer Wahlentscheidung kalkulieren, oder ob sie an das Gemeinwohl denken. Die USA werden von einer technokratischen Elite regiert. Die Experten verfügen über Expertenwissen in Sachfragen, haben aber in den meisten allgemeinpolitischen Fragen nicht mehr Kompetenz als die Bürger. Dies fällt nur deshalb nicht auf, weil es keinen Maßstab gibt, politische Entscheidungen als falsch oder richtig zu bewerten, und weil das Gemeinwohl vom jeweiligen gesellschaftlichen Standpunkt des Beurteilers abhängt. Demokratie löst keine Probleme des politischen Erkennens. Sie zwingt aber zum Schließen von Kompromissen.

Frankfurt am Main, den 11.5.2009
Eckhard Kochte