Gesellschaft und Kultur

05.05.2009

Eine andere Welt ...


... entsteht erst dann, wenn sich möglichst viele Menschen, ob bereits irgendwo organisiert oder noch nicht, für demokratische, soziale und ökologische Veränderungen in der Gesellschaft einsetzen, wobei ebenso die Logik und Praxis der Volks- und Betriebswirtschaft einer innovativen Ausrichtung bedarf. Der jetzige neoliberale „status-quo“ muß aufgebrochen werden.
Wie in der Biologie ist für Neues ein eigener Raum notwendig. Neues braucht die Motivation der Bevölkerung, fachlich kompetente Beratung sowie eine gesicherte Finanzierung. Eine kontinuierliche, gut strukturierte Kommunikation mit der gesamten Bevölkerung ist unabdingbar.

Für neue Ziele und Aufgaben sind auch neue Strukturen notwendig. Dazu wäre in jedem Stadtteil, in jeder Gemeinde zu installieren:

  • Bürgerzentren mit Bürgerforen und Ombudsstelle, als kommunale Institutionen, die auch als Mittler zwischen Kommunal- Parlamenten, Parteien und Verwaltung sowie der Bürgerschaft zu verstehen wären. In den Foren verständigen sich die BürgerInnen über Aufgaben und Aktionen. In den Bürgerzentren erfahren die Menschen, daß sie in Ihren Bedürfnissen und Anliegen ernst genommen werden, daß Beratung und Hilfe für sie organisiert werden kann. Neue soziale Beziehungen und Nachbarschaften können entstehen. Der jetzigen weitläufigen Anonymität und Ausgegrenztheit vieler BewohnerInnen kann entgegengewirkt werden. Solidarität bleibt dann nicht mehr nur ein Wort.

  • Kontinuierliche tagende „Kommunale Runde Tische“, damit gemeinsam mit der Bevölkerung die Defizite, Probleme, Vorhaben etc., die das Gemeinwesen betreffen, erledigt werden können.

  • Als eigenständige Struktur für kommunale Innovationen und für die Versorgung wäre eine „Genossenschaft für kommunale, nachhaltige Gesamtentwicklung“ vorstellbar.

  • Um sich ein wenig vom Geldzwang zu lösen, sollte ein Kommunaler Zeittauschring“ installiert werden (könnte innerhalb der Bürgerzentren sein).

  • Ebenfalls als eine kommunale, innovative und betreute Einrichtung wären große Gärten zu befürworten, die auch für sinnvolle Freizeiten für Kinder und Jugendliche ausgestattet sein sollten. Ökologisches und soziales Lernen für alle Generationen wäre an solchen Orten zwanglos möglich.

  • In Zukunft sollte jede Kommune, ob groß oder klein, in die Lage versetzt werden. Ein sog. „Eigenleben“ zu entwickeln, d.h. daß die BewohnerInnen und nachwachsende Generation möglichst viele Lebensperspektiven in einer Kommune vorfinden.

  • Installierung eines „Bürgerfonds“, verwaltet und kontrolliert von der Bürgerschaft selbst.

Es sollte angestrebt werden, explizit eine lokale, regional vernetzte Wirtschaft aufzubauen. Davon sprechen progressiv denkende Experten schon seit mehr als 30 Jahren! Neben der ökonomischen, zukunftsfähigen Sinnhaftigkeit sollten sich neue Wirtschaftsstrukturen ebenso der sozialen und ökologischen Verantwortung verpflichtend organisieren. Mit dem Prinzip der Subsidiarität wäre es sehr hilfreich neue Projekte für ein gutes eigenständiges wirtschaftliches Auskommen in jeder Kommune zu realisieren. Initiativen und Ideen für eine zukunftsfähige Wirtschaft gibt es inzwischen in Deutschland und anderswo.

Lokale und regional vernetzte Produktionsstrukturen haben Manufakturgröße. Sie sind überschaubar und kleinteilig, gesellschaftlich, inhaltlich gut kontrollierbar und können relativ schnell auf notwendige Veränderungen reagieren.

Eine lokal ausgerichtete, regional vernetzte Wirtschaft könnte beginnen, handwerkliche und semi-industrielle und bio-landwirtschaftliche Güter des täglichen Bedarfs in verschiedenen Projekten herzustellen und in eigener Regie zu vertreiben. Bei dieser kleinteiligen Vorgehensweise ist es ziemlich einfach, ökologische und soziale Kriterien in einer lokal orientierten Wirtschaft festzulegen. Wir können es uns in der jetzigen Formation der Wirtschaft einfach nicht mehr leisten, knapp werdende Rohstoffe und kostbare Energie zu vergeuden, viele und lange Transportwege zu akzeptieren und dabei für viele Millionen Menschen unwürdige Lebensbedingungen zuzumuten. Ganz allgemein ist ein stringenter, fachlich begleiteter Prozeß der Transformation gemeinsam mit der jeweiligen Bürgerschaft einer Kommune auf den Weg zu bringen.

Eine Anschubfinanzierung für den Transformationsprozeß könnte über Brüssel realisiert werden. Es existieren einige Fonds für Innovationen. Manche Bewegungen verzichte ausdrücklich auf solche Subventionen. Auf jeden Fall wäre es so, daß mit der „Genossenschaft für kommunale, nachhaltige Entwicklung“ neue Mittel zur Verfügung stünden, die von der jeweiligen Bürgerschaft kontrolliert werden.

Für den ersten Schritt, Innovationen zu konzipieren und zunächst in improvisierter Form mit der Arbeit zu beginnen, ist eine kompetente interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft notwendig.

Die Art und Weise, wie die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft meinen, mit der gegenwärtigen, existenziellen tiefen Krise fertig werden zu können, macht deutlich, daß das neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell unangetastet bleiben soll. Und zwar auch ungeachtet davon, daß die neoliberale Ideologie weltweit von Grund auf gescheitert ist.

Frankfurt am Main, 05.05.2009

Ludmilla Ackermann