Politik

19.05.2004

Vom Wählen bzw. Auswählen

 

1. Auswählen zwischen verschiedenen Waren bedeutet:

Ich entscheide mich für die Ware, die ich konsumieren möchte.

 

2. Auswählen zwischen verschiedenen Grundsätzen bedeutet:

Ich entscheide mich, welchen Grundsatz ich bevorzugen will, nach welchem Grundsatz ich handeln möchte.

 

3. Auswählen zwischen verschiedenen Menschen bedeutet:

Ich entscheide, mit welchen Menschen ich Beziehungen pflegen will.

 

4. Auswählen zwischen verschiedenen Arbeit -suchenden bedeutet:

Ich suche den Bewerber aus, den ich für den geeignetsten halte, die Arbeit zu tun, die ich zu vergeben habe.

 

5. Auswählen zwischen verschiedenen Kandidaten bedeutet:

Ich wähle den Kandidaten aus, dem ich es am liebsten überlassen möchte, über meine Lebensgrundlagen zu entscheiden -, d.h. ich wähle meinen Vormund selber, weil ich mich für unmündig halte.

 

Während ich in den ersten vier Fällen beim Auswählen und anschließenden Handeln der Tätige bin, trifft das beim fünften Fall nicht mehr zu. Dort wähle ich zwar noch aus, habe aber gerade damit jede weitere hier in Frage kommende Handlungsmöglichkeit einem anderen überlassen. Um das ganz deutlich zu machen, sei noch ein extremes Beispiel angeführt. Wenn ich zum Tode verurteilt bin und zwischen den Vollstreckungsmöglichkeiten Aufhängen, Erschießen und Vergiften wählen darf, so übe ich noch einen gezielten Einfluss auf mein Leben aus, wenn er auch ziemlich eingeschränkt ist.

Mit der Wahl von Parlamentariern verzichten wir auf jegliche gezielte Einflussmöglichkeit, was die Festlegung der eigenen rechtlichen Lebensgrundlagen betrifft. Ist das tatsächlich so? Fragen wir uns, ob wir bei Wahlen „unserem“ Kandidaten irgendwelche „Auflagen“ machen können, ob wir unsere Auswahl an bestimmte Bedingungen knüpfen können. Handelt es sich um eine Art Vertrag, in dem beide „Seiten“ Forderungen durchsetzen können oder liegt einfach nur eine Verzichtserklärung, eine bedingungslose Kapitulation des „Wählenden“ vor?

 

Bei den Wahlen zu Gemeinderäten, Landtagen und zum Bundestag gibt es rechtlich keine Möglichkeit, den späteren Mandatsträger irgendwie zu binden. Er braucht sich weder an seine Wahlversprechen, noch an sein Parteiprogramm zu halten! Das ist auch der eigentliche Grund für die reine Werbung um Vertrauen in den Wahlkämpfen.

 

Schöne Farbfotos, kleine Werbegeschenke und Streicheln über Kinderköpfe sollen den Wähler dazu verlocken, dem Kandidaten Vertrauen zu schenken. Andererseits ist man bemüht, die Gegenkandidaten so darzustellen, dass der Wähler ihnen möglichst wenig Vertrauen entgegenbringt. Deshalb wird so viel mit Verunglimpfungen „gearbeitet“. Man behauptet, dass der andere unglaubwürdig sei, uneheliche Kinder habe, nicht zur Kirche ginge (also gottlos sei), homosexuell sei, kraftlos sei, umfalle, lüge oder mit den Kommunisten gemeinsame Sache mache usw. All’ diese Behauptungen sollen unterschwellig eine Barriere beim Wähler zu errichten, die ihn dazu bringt, die Gegenkandidaten abzulehnen, ihnen das Vertrauen zu versagen, sie folglich nicht zu wählen. Durch dieses „Spiel“ ergibt sich auch ein gewisser Sinn für die Redensart „das kleinere Übel wählen“: Eigentlich kann man niemandem vertrauen; da wählt man den, dessen Ansehen einem am wenigsten angeschlagen erscheint.

 

Georg von Maintal 117 / 19.05.04