Wirtschaft und Soziales

24.12.2003

Vom gegenwärtigen Krankheitszustand menschlichen Zusammenlebens

Gedanken zu seiner Heilung

Das gegenwärtige Zusammenleben der Menschen auf der Erde zeigt Symptome eines Krankheitszustandes. Wir wollen eine Diagnose versuchen, damit eine Therapie eingeleitet werden kann.

 

Bisher ist alles Zusammenleben der Menschen in den einzelnen Staaten und zwischen den Staaten in instinktiver Weise vor sich gegangen. Nun wird es nötig, die Vorgänge bewusst zu erfassen, um sie sinnvoll ordnen zu können.

 

Die heutigen Transportmöglichkeiten haben es mit sich gebracht, dass die frühere Abgeschlossenheit der einzelnen Staaten geschwunden ist und die Menschen sich stärker zu vermischen beginnen, als das in früheren Zeiten der Fall war. Daher brauchen wir eine Kenntnis vom Wesen der verschiedenen Menschen und Weltgegenden, um ein sinnvolles Zusammenwirken gestalten zu können.

 

Nun ist es so, dass die heutige Wissenschaft - zumindest die des „Westens“ - den Menschen zwar für die „Spitze des Tierreichs“ hält, aber noch nicht zum Verständnis seiner Besonderheit und deren Entwicklung vorgedrungen ist. Wenn man jedoch die Verhältnisse zwischen den Menschen ordnen will, die eben keine Natur-Verhältnisse sind, dann benötigt man echte Menschenkenntnis. Da die aber nicht vorhanden ist, kam die gegenwärtige Krankheitslage zustande und wir können die Krankheit nur heilen, wenn wir ihre Bedingungen durchschauen und eine Therapie wissen.

 

In Europa entstand - aus dem Schoße der Kirche heraus - die moderne Naturwissenschaft: in England Roger Bacon (1214-94), Francis Bacon (1561-1626), Isaac Newton (1643-1727), in Deutschland / Polen Niko-laus Kopernikus (1473-1543), in Italien Giordano Bruno (1548-1600), Galileo Galilei (1564-1642). Die Forschung wandte sich immer mehr der sinnlich wahrnehmbaren Außenwelt zu und verlor den Menschen aus dem Auge. Später verlagerte sich der Schwerpunkt von Europa in die USA, der Materialismus und das reine Nützlichkeitsdenken wurden maßgebend.

 

Dagegen bestand „im Osten“ eine uralte Weisheit, die aber allmählich atavistisch (unzeitgemäß) wurde, da in ihr der Entwicklungsgedanke fehlte. Dieser wurde besonders von Ernst Haeckel (1834-1919) hervorgehoben, allerdings in recht einseitiger Weise (materialistischer Monismus).

 

Sobald erkannt ist, dass sich Welt, Erde und Mensch in einer Entwicklung befinden, wird klar, dass immer zwischen früher Gültigem, gegenwärtig Gültigem und künftig Gültigem unterschieden werden muss. Nun ragt aber das „Frühere“ immer noch in das Gegenwärtige herein und im Gegenwärtigen bilden sich Keime für das Zukünftige.

 

Will man also das menschliche Zusammenleben in fortschrittlichem Sinne regeln, so muss man wissen, an welchem Punkte des Entwicklungsstromes wir uns gegenwärtig befinden. Daraus lässt sich erkennen, wo veraltete Tendenzen auftreten, die retardierend (verzögernd) wirken und zu überwinden wären und wo etwas angestrebt wird, dessen Zeit noch nicht gekommen, das aber als Vorbereitung für später anzusehen ist.

 

Während im Tierreich alle Vorgänge instinktgebunden ablaufen, wir würden heute von einer Programmierung reden, befinden sich die Menschen auf dem Wege, freie Wesen zu werden. Frei bedeutet, dass man sich die Motive seines Handelns selbst setzen kann. Das Freiwerden ist ein langsam fortschreitender Prozess, in dem die Menschen nach und nach immer mehr Anteile ihrer Lebenspraxis bewusst zu steuern lernen. Und solche Steuerung setzt eben auch voraus, dass die anstehenden Angelegenheiten durchschaut/verstanden worden sind. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sie bewusst zu lenken und schließlich auch die Fähigkeit dazu.

 

Soweit menschliche Kenntnisse zurückreichen, wurden die Menschen-Gemeinschaften immer von wenigen Führern geleitet und es bestanden in ihnen weitgehend übereinstimmende Ansichten. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts (Beginn der Neuzeit) lässt sich jedoch eine immer stärkere Vereinzelung der Menschen beobachten und mit dieser Vereinzelung nahmen sowohl die Bindung an die Gemeinschaft, als auch die Gleichförmigkeit der Ansichten ab. Was bisher durch die Vererbung und durch Führung von außen geprägt war, geht immer mehr in eine individuelle Haltung, in das Bedürfnis nach einer „Lenkung von innen“ über. Von außen vorgeschriebene „Werte“ verlieren immer mehr an Bedeutung; die Menschen wollen sich emanzipieren (von Führerpersönlichkeiten lösen) und selbst herausfinden und bestimmen, was ihnen menschenwürdig, sinnvoll, erstrebenswert erscheint.

 

Hierbei käme es nun darauf an, zu erkennen, dass das menschliche Zusammenleben in den staatlichen Gemeinschaften sich in drei ganz verschiedenen Bereichen abspielt und daher in ihnen auf ganz unterschiedliche Weise gestaltet werden muss:

 

Im Bereich der Warenerzeugung, der Warenverteilung und des Warenverbrauchs muss vom Sinn des Wirtschaftens - denn hier handelt es sich ja um das Wirtschaften im vollständigen Sinne - ausgegangen werden: Und das ist eine möglichst optimale Deckung des bestehenden und zu erfassenden Warenbedarfs. Um sie zu erreichen, ist eine Zusammenarbeit zwischen Verbrauchern, Händlern und Erzeugern notwendig, die letztlich zu Verträgen zwischen den drei Gruppen führt, die der künftigen Warenerzeugung zu Grunde zu legen sind, so dass die verteuernde (und verlogene) Werbung entfällt und die tödliche Konkurrenz ebenfalls. Wenn nämlich für den vorliegenden Bedarf produziert wird, ist  - für jedermann klar erkennbar - jegliche Konkurrenz überflüssig. Und damit verschwinden auch all die Vorwände, die bisher für sie vorgebracht werden. Weder Kampf und gnadenloses Niederkonkurrieren, noch die schon vor Jahrzehnten ins Reich des Unsinns verwiesene Mär vom notwendigen Wirtschaftswachstum dürfen als Grundpfeiler des Wirtschaftsbereichs angesehen werden, sondern eine Zusammenarbeit aller drei an den Wirtschaftskreisläufen (von der Entstehung bis zum Aufbrauch der Waren) beteiligten Gruppen.

Ein zweiter großer Bereich ist der der Festlegung dessen, was man - allerdings in einer vom Herkömmlichen abweichenden Weise - als öffentliches Recht bezeichnen könnte. Hier sollte es um diejenigen Fragen/Themen gehen, die in der Lebenspraxis jedes Landesbewohners und jeder Landesbewohnerin eine wichtige Rolle spielen und deren Entscheidung alle Landesbewohner in (annähernd) gleicher Weise trifft. Das sind diejenigen Rechtsansprüche und Pflichten, die für alle gleich sein sollen aber das ist auch die Auswahl des geringsten Risikos für alle die Fälle, in denen alle Landesbewohner in gleicher Weise betroffen sind. Diese „Dinge“ sollten nicht mehr durch sogenannte Stellvertreter entschieden werden, sondern von den Originalen, also denjenigen Landesbewohnern, die sich engagieren und über diese Sachfragen mitentscheiden wollen. Dazu muss ein geeignetes Verfahren entworfen werden, das den Landesbewohnern eine solide Urteilsbildung ermöglicht. Die Abstimmungsergebnisse müssen Verfassungsrang haben, das Repräsentativsystem auf Dauer binden und eine terminlich festgelegte Anpassung alles Alten entgegenstehenden Rechtes nach sich ziehen. Im Zuge des oben skizzierten Emanzipationsprozesses wird die Zuständigkeit von Führern (Bundeskanzler, Regierung, Abgeordneten) auf die inzwischen emanzipierten Menschen verlagert. Künftig entscheidet nach Auszählung der Stimmen, die für die verschiedenen Lösungsvarianten abgegeben wurden, die absolute Mehrheit (mehr als 50 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen).

Am schwierigsten, weil am ungewohntesten, ist wohl der dritte Bereich zu erfassen. Man könnte ihn vielleicht den geistigen, den kulturellen nennen. Die Emanzipation bringt es mit sich, dass immer stärker auf die Anlagen und Fähigkeiten der Einzelmenschen geachtet werden muss. Wie können die Anlagen am besten entfaltet werden (Erziehungs- und Schulwesen) und wie kann es dazu kommen, dass die ausgebildeten Fähigkeiten optimal für die Gemeinschaft eingesetzt, in dieselbe eingebracht werden. Früher (bisher) konkurrierte man um Führungspositionen. Nun muss erkannt werden, dass es auf die Fähigkeiten aller ankommt und dass Formen gefunden werden müssen, in denen alle Fähigkeiten-Entfaltung optimal gefördert und dem Einsatz der erworbenen Fähigkeiten möglichst wenig Hemmungen bereitet werden. Daher muss in diesem Bereich (Fähigkeiten-Entwicklung + Fähigkeiten-Entfaltung) Freiheit (Vielfalt) herrschen.

Im ersten Bereich kommt es auf brüderliches Zusammenarbeiten, im zweiten auf gleichberechtigtes Mitentscheiden dürfen und im dritten auf individuelle Entfaltungsmöglichkeit an. Daher wird es nötig sein, die zu schaffenden Regeln in jedem der drei Bereiche nach anderen Prinzipien zu gestalten, was bedeutet, dass unser herkömmliches (römisches) Recht, das vor etwa 2000 Jahren in einer ganz anderen Entwicklungsphase entstand, zu Gunsten zeitgemäßer Formen abzuändern wäre. Solange mit Hilfe des verbindlichen Rechtes Überholtes erzwungen werden kann, wird weitere Emanzipation und Entwicklung gehemmt. Die neuen Regeln müssen durchschaubar und menschenwürdig gestaltet werden. Der „Arbeitsmarkt“ ist zum Beispiel ein Überbleibsel des früheren Sklavenmarktes und das heutige Arbeitsrecht fußt auf dem alten Sklavenhalterrecht. Beides ist menschenunwürdig, verträgt sich nicht mit der heutigen Emanzipationslage. Das sollte nur ein Beispiel für das oft undurchschaute Weiterwirken veralteter Rechtsnormen sein.

Erst, wenn wir die angedeuteten drei Bereiche unterscheiden und berücksichtigen, kann eine Heilung des gegenwärtigen Krankheitszustandes des menschlichen Zusammenlebens eingeleitet werden.

Georg von Maintal 5238 / 24.12.03