Wirtschaft und Soziales

01.01.2010

Perspektiven der Überflussgesellschaft (1)

Von Harald Welzer und Meinhard Miegel

Die politischen und ökonomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum - dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen."Unsere Kinder sollen es einmal schlechter haben" - Der Generationenvertrag ist aufgekündigt

 

Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich. Diese schlichte Einsicht, die Kindern weniger Schwierigkeiten macht als Ökonomen, wird gegenwärtig durch eine ganze Reihe von Endlichkeiten deutlich: der Energievorräte, der Umweltbelastbarkeit, der biologischen Ressourcen, der Traglast des Planeten. Endlichkeitskrisen sind von einem System, dessen Funktion vom Wachstum abhängt, nicht zu bewältigen - im Gegenteil sind sie Symptome, die das Scheitern der Voraussetzungen anzeigen, auf die das System gebaut ist. Tatsächlich sind alle Gegenwarts- und Zukunftskrisen, mit denen moderne Gesellschaften konfrontiert sind, Symptome dafür, dass unser System einer vorbehaltlosen Übernutzung natürlicher Ressourcen an eine Funktionsgrenze gekommen ist. Dieses 250 Jahre lang extrem erfolgreiche System basiert ökonomisch darauf, dass es den Treibstoff zur unablässigen Produktion von Mehrwert und Wachstum von außen bezieht, wie das Öl, das für die Herstellung und den Betrieb der Autos oder wie das Gas, das für die gemütlich warmen Badezimmer nötig ist. In dem Augenblick, wo sich dieses immer nur partikular gedachte Wirtschaftsprinzip universalisiert, wird seine Funktionsgrenze offensichtlich: Eine globalisierte Welt hat kein Außen, das die Ressourcen für die als unendlich gedachte Wachstumswirtschaft liefern könnte. Die Folge ist, dass sich die Ausbeutung vom Raum in die Zeit verlagert: der Kollaps des Systems wird hinausgeschoben, in dem es Raubbau an der Zukunft der kommenden Generationen treibt. Deshalb werden nicht nur im Rahmen der Finanzkrise die Probleme durch Schuldenmachen bewältigt: Auch bei der Umwelt, bei den Meeren, beim Klima nimmt die heutige Generation Kredite auf, die ihre Kinder und Enkel zu begleichen haben werden. Da es sich bei dieser Art von Kreditaufnahme aber um die Erzeugung irreversibler Probleme handelt, bedeutet das Servieren der Rechnung für die Kinder- und Enkelgenerationen, dass ihnen nicht mehr dieselben Chancen zur Gestaltung ihrer eigenen Zukunft zur Verfügung stehen, wie der Generation der heute 50- oder 60jährigen. Der Generationenvertrag ist radikal gebrochen; das Motto des 21. Jahrhunderts lautet: "Unsere Kinder sollen es mal schlechter haben als wir!"


Das Rezept der sogenannten Realpolitik gegen alle Probleme der Gegenwart besteht im wiederholten Sprechen eines magischen Worts: Wachstum. Obwohl erstens klar ist, dass Wachstum kein Arbeitsmarktproblem moderner Gesellschaften löst und zweitens keineswegs sicher ist, ob die gesellschaftlichen Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zurückgehen, sehen die politischen und ökonomischen Eliten ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum. Dieser Begriff hat inzwischen nachgerade religiöse Qualität angenommen, weshalb man im Fall einer Rezession vom "negativen Wachstum" spricht, als sei "Rückgang" von Wirtschaftsleistungen das, was für das Christentum der Leibhaftige ist, den man nicht beim Namen nennen darf.

Dabei ist weder die Menschheitsgeschichte noch die der Produktivkräfte eine Geschichte unablässigen Wachstums - bis zur Industrialisierung lag es bei geschätzten 0,05 Prozent jährlich. Unter solchen Bedingungen haben Wissenschaft und Künste, wie jedes kunsthistorische Museum vorführt, spektakuläre Fortschritte erzielt. In kapitalistischen Ökonomien gilt das Wachstumsparadigma nur segmentär - einige Teilbereiche, etwa die Wirtschaft, können wachsen, während andere, zum Beispiel die Bevölkerung, rückläufig sind. Seit drei Jahrzehnten verzeichnen wir das Phänomen des "jobless groth", Wirtschaftswachstum bei konstanter oder steigender Arbeitslosigkeit. Und die Theorie behauptet unverdrossen, dass Wachstum (und nur Wachstum) Arbeitsplätze schaffe. Auch die weltweite Armut ist durch das Wachstum der Weltwirtschaft keineswegs beseitigt worden.

Vor dem Finanzcrash war das internationale Geldgeschäft durch das Instrument der Derivate - also von Krediten auf Kredite - auf die unvorstellbare Summe von 400 Billionen Dollar angewachsen, was dem siebenfachen Weltbruttoinlandsprodukt entspricht. Diesem Wachstum entsprach in der Wirklichkeit von Produktion und Reproduktion nichts. Mit anderen Worten: zumindest dieses Wachstum, von dem vorgeblich Gedeih und Verderb moderner Gesellschaften abhängt, gab es gar nicht. Grundsätzlich macht das Paradigma des Wachstums historisch überhaupt nur solange Sinn, als nicht genügend Produktivkraft entwickelt ist, um existenzielle Not global zu beseitigen. Heute, nach einer gigantischen Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft, gibt es keinen Grund dafür, dass Menschen verhungern, der im Nahrungsmangel läge. Dass trotzdem etwa eine Milliarde Menschen keine ausreichende Ernährung hat, zeigt an, dass hier kein Mangel-, sondern ein Verteilungsproblem vorliegt, weshalb Hungeraufstände heute auch in Städten und nicht wie früher auf dem Land stattfinden. Wachstum ist für die Lösung solcher Probleme nicht nötig, und ganz offensichtlich hat es bislang auch zur Lösung der Ernährungsprobleme wenig beigetragen.