Wirtschaft und Soziales

02.01.2010

Perspektiven der Überflussgesellschaft (2)

Von Harald Welzer und Meinhard Miegel

Der lange Weg von einer Ökonomie des Übervorteilens zu einer Ökonomie des Teilen. Oder: Nur wer anders denkt, kann anders wirtschaften
Warum also sollte es unmöglich sein, das erreichte organisatorische und zivilisatorische Niveau dafür zu nutzen, eine Form des Wirtschaftens und Lebens zu entwickeln, das nicht auf Wachstum, sondern auf das Kultivieren eines Lebensstandards setzt, der ein hinreichendes Niveau erreicht hat? Um allerdings von einer Ökonomie des Übervorteilens zu einer Ökonomie des Teilens zu kommen, genügt es nicht, nur die wirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen zu verändern, obwohl schon das schier aussichtslos erscheint. Der Anschein von Aussichtslosigkeit rührt vor allem daher, dass es nicht nur die materiellen und institutionellen Infrastrukturen sind, die umgebaut werden müssen, sondern auch die mentalen Infrastrukturen. Denn Vorstellungen von unablässigem Wachstum, von Entwicklung, Fortschritt, Wettbewerb stecken ja nicht nur in den äußeren Bedingungen unserer Lebenswelt, sondern haben sich über eine nunmehr jahrhundertealte kulturelle Praxis auch in unseren Innenwelten installiert. Kein Lebenslauf, kein Karriereentwurf und kein Bausparplan, der nicht von einer Zukunftsvorstellung getragen wäre, in der von allem mehr da ist, mehr Wohlstand, mehr Raum, mehr Macht, mehr vom Gleichen.


Die auf Wachstum und die Übernutzung von Ressourcen setzende Wirtschafts-, Konsum- und Mobilitätsform hat sich bis in die kleinsten Nischen unserer Lebenswelt eingenistet und stellt einen festen Bestandteil unseres mentalen und emotionalen Haushalts dar. Kategorien wie Effizienz, Entwicklung, Fortschritt und Wettbewerb sind tief in den Erziehungsnormen von Gesellschaften unseres Typs verankert; womöglich sind Gesellschaften, die in hohem Maße auf moderne Formen der Individualisierung und der daran gekoppelten Leistungsbereitschaften und Biografien setzen, jenseits von Wachstumsvorstellungen gar nicht denkbar, denn auch individuelle Lebensläufe sind an Prinzipien der beständigen Steigerung von Kompetenzen, Qualifikationen, Einkommen und sozialer Sicherung orientiert.

Hinzu kommt, dass gegebene materielle, institutionelle und mentale Infrastrukturen immer auch die Kristallisationskerne von Zukunftsvorstellungen bilden - sie machen es so schwer, vom Gegebenen wegzudenken und andere Welten zu entwerfen. Am deutlichsten ist das am zurzeit vielleicht dümmsten Zukunftsentwurf von allen zu sehen - der Ersetzung von benzin- oder dieselgetriebenen Fahrzeugen durch Elektroautos. Mal abgesehen davon, dass der Wechsel einer zur Fortbewegung notwendigen Energie kein Energieproblem löst, sondern nur verlagert, verkörpert ein solcher Zukunftsentwurf wiederum den begrenzten Horizont moderner Gesellschaften: Ihr utopisches Credo lautet: Wie jetzt, nur besser! Dabei ist das Problem nicht ein spezifischer Typ von Antrieb zur Verwirklichung von Mobilitätsvorstellungen, sondern das Konzept von Mobilität, dem die Bewohner moderner Gesellschaften huldigen. Nicht nur sie selbst halten es für sinnvoll und normal, ausgerechnet in Zeiten ungeahnter und weltumspannender Kommunikationsmöglichkeiten pausenlos unterwegs zu sein, sondern schicken auch die Waren und Güter, die sie zu benötigen glauben, auf so unendliche Reisen, dass ein Apfel schon 10.000 Kilometer zurückgelegt haben kann, bevor er gegessen oder in der Tonne für Ökoabfälle entsorgt wird, weil er überflüssigerweise gekauft wurde.